Was ist eine Linkshänder-Geige und was ist daran so besonders?
In der klassischen Musikpädagogik und im Orchesterbetrieb galt über Jahrhunderte hinweg ein strenger Standard: Die Geige wird rechts gespielt. Das bedeutet, die linke Hand greift die Saiten auf dem Griffbrett, während die rechte Hand den Bogen führt. Für Linkshänder bedeutete dies traditionell eine Umschulung auf die Spielweise von Rechtshändern. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch ein Umdenken vollzogen. Neurologische und ergonomische Erkenntnisse haben dazu geführt, dass sogenannte Linkshänder-Geigen (auch Linkshänder-Violinen genannt) zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Doch was genau ist eine Linkshänder-Geige? Die kurze Antwort lautet: Es ist ein Instrument, das spiegelverkehrt konstruiert ist, sodass der Bogen mit der linken (dominanten) Hand geführt und mit der rechten Hand gegriffen wird. Die lange und fachlich korrekte Antwort ist jedoch weitaus komplexer, denn eine Geige ist ein stark asymmetrisches Instrument.
Warum das einfache Umspannen der Saiten nicht funktioniert
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, man müsse für einen Linkshänder lediglich die Saiten einer Standardgeige in umgekehrter Reihenfolge aufziehen. Dieser Fehler führt nicht nur zu einem massiven klanglichen Qualitätsverlust, sondern kann das Instrument auf Dauer strukturell beschädigen.
Obwohl eine Violine von außen – mit Ausnahme des Kinnhalters – weitgehend symmetrisch aussieht, ist ihr innerer Aufbau hochgradig asymmetrisch. Eine echte Linkshänder-Geige ist besonders und muss von einem professionellen Geigenbauer von Grund auf spiegelverkehrt konstruiert oder mit erheblichem Aufwand umgebaut werden.
Die anatomischen Unterschiede im Überblick
Die folgende Tabelle veranschaulicht die baulichen Unterschiede zwischen einer Standard-Geige und einer echten Linkshänder-Geige:
| Bauteil | Rechtshänder-Geige (Standard) | Linkshänder-Geige | Funktion & Grund für die Anpassung |
|---|---|---|---|
| Bassbalken | Innen, unter der linken Seite (G-Saite) | Innen, unter der rechten Seite (G-Saite) | Verteilt die tiefen Frequenzen der dicken Saiten über die Resonanzdecke. |
| Stimmstock | Innen, unter der rechten Seite (E-Saite) | Innen, unter der linken Seite (E-Saite) | Überträgt hohe Frequenzen auf den Boden und stützt die Decke gegen den hohen Druck der E-Saite. |
| Steg | Links höher (G-Saite), rechts flacher (E-Saite) | Rechts höher, links flacher | Angepasst an den Schwingungsradius der Saiten; dicke Saiten benötigen mehr Platz zum Schwingen. |
| Griffbrett | Unter der G-Saite oft leicht abgeflacht | Unter der G-Saite (nun rechts) abgeflacht | Verhindert das "Schnarren" der weitausschwingenden tiefen Saiten auf dem Holz. |
| Wirbelkasten | Tiefe Saiten oben/links, hohe unten/rechts | Spiegelverkehrte Anordnung | Ergonomie beim Stimmen; verhindert das Verheddern der Saiten im Kasten. |
Die akustische und strukturelle Bedeutung des Innenlebens
Das Herzstück der Asymmetrie bilden der Bassbalken und der Stimmstock (auch "Seele" der Geige genannt).
Der Bassbalken ist eine Holzleiste, die unter leichter Spannung auf die Innenseite der Geigendecke geleimt ist. Er verläuft exakt unter dem Fuß des Stegs, über den die tiefe G-Saite läuft. Zieht man die G-Saite nun auf die andere Seite (ohne den Balken zu versetzen), verliert das Instrument sein Fundament im Bassbereich.
Der Stimmstock ist ein kleiner, runder Holzstab, der zwischen Decke und Boden eingeklemmt wird – und zwar genau unter dem Stegfuß der dünnen, extrem stark gespannten E-Saite. Er hat eine stützende Funktion. Würde man die E-Saite auf die Seite des Bassbalkens verlegen, würde der Decke auf der neuen E-Saiten-Seite die nötige Stütze fehlen. Dies kann zu Rissen in der Decke (sogenannten Stimmrissen) oder sogar zum Einbrechen der Geigendecke führen. Bei einer Linkshänder-Geige muss ein Geigenbauer also die Decke abnehmen, den alten Bassbalken entfernen, einen neuen auf der gegenüberliegenden Seite einpassen und den Stimmstock spiegelverkehrt setzen.
Spielpraxis und die Herausforderung im Orchester
Die Entscheidung für eine Linkshänder-Geige basiert heute meist auf der Erkenntnis, dass die Bogenführung (und nicht das Greifen) den Ton, die Dynamik und die Artikulation bestimmt. Die dominante Hand übernimmt idealerweise diese komplexe motorische Aufgabe.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Grund, warum Linkshänder-Geigen im professionellen Umfeld selten sind: Die Orchesteraufstellung.
In einem Sinfonieorchester sitzen die Streicher dicht nebeneinander. Da alle Rechtshänder den Bogen nach rechts außen streichen, entsteht ein harmonisches, synchrones Bild und die Musiker stören sich nicht. Ein Linkshänder, der den Bogen nach links führt, würde unweigerlich mit dem Bogen seines Pultnachbarn kollidieren ("Bogenfechten"). Daher sind Linkshänder-Geigen meist bei Solisten, in der Kammermusik, im Folk-Bereich oder bei Hobbymusikern zu finden. Wer eine Karriere im klassischen Tutti-Orchester anstrebt, wird in der Regel auch heute noch auf eine Rechtshänder-Geige geschult.
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